Massenheimer Auenkunst

Harms u. Müller-Fries: Wenn über dem Weinberg es flammt 1 – 5

Anja Harms und Eberhard Müller-Fries, Wenn über dem Weinberg es flammt, Stahlrahmen/Holz, 2020, Objekte 1 – 5


Seit letztem Jahr begrüßt Sie am Nord-Eingang der Aue „Wenn über dem Weinberg es flammt“ von Anja Harms und Eberhard Müller-Fries. Zum Hölderlin-Jahr entstanden, habe ich die aufgeklappt wirkenden Buchdeckel frisch aus „Reimers Garten“ in Bad Homburg im „Corona-Jahr 2020“ hierher entführen lassen.
Letztes Jahr stand nur das erste Objekt der fünfteiligen großformatigen Freiraum-Installation am Entrée der Aue. Nun sind alle 5 Objekte an einem Standort mit Blick auf Bad Homburg vereint. Und dies mit Grund: Der Gestaltung liegt das Gedicht-Fragment Nr. 50 „Wenn über dem Weinberg es flammt“ von Friedrich Hölderlin zugrunde. Hölderlin wurde von seinem Freund Sinclair aus Frankfurt nach Bad Homburg geholt.
Hintergrund: Als Hauslehrer der Frankfurter Gontard-Kinder tätig, verliebte er sich in die Hausherrin Susette. Der Bankiersgatte war darüber nicht sehr erfreut, weshalb ihn sein Freund Sinclair aus dem Frankfurter „Skandal“ nach Bad Homburg rettete, wohin die Buchskulpturen nun blicken.
Hölderlin gehört aber auch nach Bad Vilbel, denn seine schönste Zeit mit seiner „Diotima“ (Geliebte aus: „Hyperion“) Susette verbrachte er in Kassel. Der Weg dorthin führte damals von Frankfurt durch Bad Vilbel; das heißt, auch wenn keine Quelle explizit die Fahrstrecke beschreibt, kann es eigentlich nicht anders gewesen sein: Hölderlin muss durch Bad Vilbel gekommen sein…
Daher bin ich sehr froh, dass ich Anja Harms und Eberhard Müller-Fries letztes Jahr überzeugen konnte, hier auszustellen. Zunächst hatten beide Zweifel, denn das Material besteht im Stahlrahmen aus Holz – wenig witterungsbeständig. Aber das Weiß und die Farben kann der engagierte Mitarbeiter des Kulturamtes, Herr Aschner, im Auftrag der Künstler bei Bedarf nachstreichen und hat dies auch getan.
So waren alle Zweifel ausgeräumt. Auch diese wunderbare Zusammenarbeit zwischen vermeintlichen Kunstlaien und Künstlern gehört zur „Massenheimer Auenkunst“.
Harms und Müller-Fries arbeiten übrigens seit 2011 zusammen, wohnen in Oberursel und sind an der Werkkunstschule in Wiesbaden (Harms) bzw. an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach (MüllerFries) ausgebildet worden. Seit den 1980er Jahren sind beide freischaffende Künstler und stellen ihre Werke weltweit aus. Harms‘ Arbeiten sind von der Tate Gallery in London, vom MoMa New York und der Bibliothèque Nationale in Paris angekauft. Wenn sie weitere faszinierende Künstlerbücher, raumgreifende Buchskulpturen oder raumbezogene Installationen erleben möchten, besuchen sie doch einfach das Klingspor-Museum in Offenbach. Da finden sich viele ihrer Werke.

Das Gedicht-Fragment Hölderlins aus dem Jahr 1802, das unserer Installation zugrunde liegt, haben Harms und Müller-Fries in seine einzelnen Zeilen zerlegt; diese Textzeilen wiederum in QR-Codes transformiert, die zur Gestaltung der Flächen wurden. Diese Codes hat das Künstlerpaar noch weiter ins Fragmentarische gesteigert, Flächen geöffnet oder geschlossen, so dass neue Formen entstanden sind.
Wenn Sie mit Ihrem Smartphone den QR-Code auf dem jeweiligen Schild abrufen, werden die entsprechenden fragmentierten Textzeilen gezeigt und stellen auf diese Weise die direkte Verbindung zu dem ausgewählten Gedicht Hölderlins her.
Ein Gesamtkunstwerk also, das mit Text, Bild und Landschaftsausschnitt operiert und sehr gut zum Dichter passt: Hat er doch damals viele Fragmente verfasst, die seine Naturreligiosität wie seine Stellung zwischen Klassik und Romantik spiegelten.
Das ganze Gedichtfragment Nr. 50 von Hölderlin lautet:

Wenn über dem Weinberg es flammt
Und schwarz wie Kohlen
Aussieht um die Zeit
Des Herbstes der Weinberg, weil
Die Röhren des Lebens feuriger atmen
In den Schatten des Weinstocks. Aber
Schön ist‘s, die Seele
Zu entfalten und das kurze Leben.


Und mit diesem hatte Hölderlin leidvolle Erfahrung. Stirbt seine Susette, alias Diotima doch sehr früh.
Dass die Liebe auf Gegenseitigkeit beruhte, beweisen Briefe der Frankfurter Bankiersgattin an Hölderlin kurz vor ihrem Tod.
Das Gedichtfragment ist auf dem Wingert Bad Homburgs entstanden, als Hölderlin durch Sinclair in Bad Homburg Aufenthalt genoss und Aufträge an den musisch hessen-homburgischen Landgrafenhof vermittelt bekam. Nach seinem zweiten Bad Homburg-Aufenthalt verfiel Hölderin, auch wegen der Verleumdungskampagne gegen seine Freund Sinclair, dem Wahnsinn und verbrachte seine letzten Lebensjahrzehnte im Tübinger Turm – mit freiem Auslauf und bei bester Kost und Logis. Manche behaupten, er habe deshalb den Wahnsinn nur vorgetäuscht. Das soll uns hier aber nicht länger beschäftigen.
Vielmehr möchte ich nochmals auf die Gestaltung der Kunstwerke eingehen. Sie sehen aus wie aufgeklappte Buchdeckel oder Doppelseiten eines Buches oder wie ein Paravent, jedoch nicht geschlossen, sondern durchlässig. Damit haben sie eine Bedeutung für die Hölderlin-Texte, die auch nicht abgeschlossen, sondern mehrfach lesbar sind. Und sie stehen in der Landschaft, in der die Menschen bereit sein müssen, diese zu entdecken.
Die Seele zu entfalten beim Betrachten der Landschaft hat Tradition: Landschaft macht man. Ich erinnere an die gemalten Ideallandschaften eines Poussin oder Lorrain, dessen Bilder zur Grundlage der Gestaltung der ersten englischen sublimen Landschaftsgärten mit ihren antiken Einbauten und malerischen Blicken wurden.
Lorrain wurde auch Grundlage des „Lorrain-Spiegels“ mit Aufkommen der Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert. Der Spiegel wurde vor einem gehalten und man nahm das darin sichtbare Einzelvorkommen der Natur hinter sich wahr, das man zusammen komponieren konnte.
Auch unsere Buchskulpturen operieren mit dem hiesigen Naturvorkommen. Die einzelnen „Fenster“ gleichen dem „Lorrain-Spiegel“; auch sie sind wie englische Landschaftsparks mit ihren begehbaren Landschaftsbildern auf Wirkung angelegt. Zudem werden noch ältere Traditionen wachgerufen: Spätmittelalterliche Stundenbücher haben die Landschaft vorgeformt: Zunächst saß Maria vor einem Fenster, das den Ausblick in eine Landschaft bot, schließlich gab es nur noch einen Rahmen auf den Doppelseiten mit dem Betenden, der angesichts der Landschaft seine Gedanken weiten konnte.

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Text: © Dr. Astrid von Luxburg
www.kultur-erlebnis.de
Idee, Fotos und Gestaltung:
Klaus Knorr
Audioguide: Friedemann Kuhl
IT-Unterstützung: Adrian Knorr
Kontakt: info@kpknorr.de

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