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Friedhelm Welge: »Durchbohrt, Enthauptet«

Friedhelm Welge: »Projekt 11« aus »Projekt 14«: »Durchbohrt, Enthauptet«, 2014, Französischer Muschelkalk

Friedhelm Welge

F. Welge sähe sich gerne in der Renaissance oder im Barock wieder. Eine Zeit, in der Bildhauer und Architekt noch eins waren.

In der Tat weist diese Skulptur exemplarisch für sein Werk eine architekturale Formensprache auf und wirkt, als ob sie in sich ruht. Trotz der Anstrengung des Bearbeitens des harten französischen Muschelkalks, die beim Betrachten fast körperlich spürbar ist und des Schreckens, das bald über die Figur kommen wird. Denn sie gehört zur Gruppe aus dem »Projekt 14«, an dem Welge 10 Jahre lang gearbeitet hat und das u.a. 2016 im Dom und Diözesan-Museum in Würzburg ausgestellt war. Inspiriert wurde es von den 14 Nothelfern und ihren Martyrien, die Welge angesichts der menschlichen Grausamkeit durch Folter in unserer Zeit aktualisiert und universalisiert.

Projekt 11 steht daher einerseits für Georg, der in Lydda-Diospolis erst mit einer Lanze durchbohrt und schließlich enthauptet wurde, andererseits ist er ein Mahnmal: Er hat zwar den Drachen durchbohrt und ist für seinen christlichen Glauben gestorben. Dennoch war er ein Soldat und in seinem Namen unterjochte man Völker und versklavte die Welt. Viele Stätten der gewalttätigen Kolonisation tragen seinen Namen. Welge schreibt: »Ein Soldat wird Christ. Und Christen machen sich zu Soldaten. Den Drachen sollst Du bezwungen haben. Sie haben das Ungeheuer wiederbelebt.«

Die Durchbohrung Georgs zeigt Welge nicht naturalistisch, sondern lässt am »Rücken« der Skulptur die Bohrungen stehen, die die Steinmetze im Steinbruch angefügt haben, um den Stein zu bergen. Jede Figur aus dem Projekt 14 ist damit zugespitzt oder anders formuliert: die Aussage ist durch Reduktion verstärkt. So vermittelt die ganze Haltung Georgs die anstehende Enthauptung, ohne plakativ den abgeschlagenen Kopf zeigen zu müssen.

Welge wurde von Beuys Definition der Sozialen Plastik und der damit einhergehenden gesellschaftsverändernden Wirkung von Kunst stark beeinflusst.

Projekt 14 ist seine persönliche gesellschaftliche Einmischung als Künstler in die leider allgegenwärtige Diskussion um die Menschenrechtsverletzung durch Folter, die bildhauerische Darstellung solch menschlichen Leidens. Seinen Ausgang fand das ehrgeizige Projekt 2001, als ein Foto eines durch die Amerikaner gedemütigten irakischen Gefangenen um die Welt ging: nackt, die Hände hinter dem Kopf gebunden. Das erinnerte Welge an ein Bild aus seiner Kindheit: Pantaleon, einen der Nothelfer, dem man die Hände auf den Kopf genagelt haben soll. In seiner Kunst versucht F. Welge Menschen zum Hinschauen zu bewegen und schafft dies auf beeindruckend expressive Weise: Angst, Schmerz, Leiden kommen ungeschönt ans Licht, ohne dass der Stein seinen Charakter verliert.

Hier haben wir also das Sich-Ergeben vor dem kommenden Tod zum Thema.

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Friedhelm Welge
Tel. 0176 45 62 78 18 | www.bildhauerwelge.de

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Text: © Dr. Astrid von Luxburg
www.kultur-erlebnis.de
Idee, Fotos und Gestaltung:
> Klaus Knorr
> Jörg Schatz
> Irene Utter
IT-Unterstützung: Adrian Knorr
Kontakt: info@kpknorr.de

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