Massenheimer Auenkunst

Beate Debus: Balance


Beate Debus, Balance, Bronze 2010/2021:

Beate Debus

Dank meiner Zusammenarbeit mit „DIE GALERIE“ im Frankfurter Westend, die derzeit Skulpturen von Herbert Mehler auf dem Campus Westend der Goethe-Universität zeigt, bin ich auf die Künstlerin Beate Debus gestoßen. Ihre Arbeiten finden dort seit dem Jahr 2016 immer wieder einen Ausstellungsort. Ihre tänzerischen Skulpturen, in deren Haltungen und Bewegungen Beate Debus polare Seh-, Gefühls- und Erkenntnisweisen hat einfließen lassen, haben mich sofort fasziniert.
Der Titel dieser Holzskulptur aus dem Jahr 2010, 2021 in Bronze gegossen, um den Einflüssen der Witterung zu trotzen, kann durchaus als ein wesentliches Prinzip verstanden werden, das ihrem Oeuvre innewohnt.
Ihre antropomorphen Figuren drücken einerseits die Seelen-Balance der Künstlerin aus, die man sofort spürt, wenn man sie in ihrem Atelier in der thüringischen Rhön besucht. Ein irdisches Paradies, umgeben von einem großen gepflegten Garten und einer weitestgehend naturbelassenen Landschaft.
Dieser „genius loci“ scheint ganz offensichtlich der Künstlerin Stütze und Halt zu geben für ihr umfangreiches Werk. Andererseits spiegeln ihre Figuren ein existenzielles Ungleichgewicht in ihren Haltungen wider und suchen stets innere Balance und Geborgenheit – angesichts der aktuellen Situation, die von „Balanceverlust“ – nicht nur durch „Corona“ – geprägt ist, ein hochaktuelles Thema.
Wie ließe sich diese Suche besser darstellen als mithilfe des „Tanzes“? Jenseits von konventionellen Formen des Miteinanders drückt sich hier die Seele unmittelbar aus. Erinnert sei nur an den Tangotanz: Unentwegt balancieren die Tänzer das Miteinander in ineinander- und gegenläufigen Bewegungen aus. Sie loten ihre Gemeinsamkeit aus, nähern sich vorsichtig einander an, um dann am Vertrauen zu zweifeln und ihre Unabhängigkeit abzuwägen und sich selbst zu behaupten.
Thema und Arbeitsweise gehen dabei konform: Als Bildhauerin geht Beate Debus „schrittweise“ vor: Sie untersucht die Bewegungen ihrer Figuren zunächst am eigenen Körper. Der Leib ist Sitz des Gefühls, was die kleine Proportion der „Köpfe“ als Sitz des Verstandes erklären mag, die bei späteren Werken gänzlich verschwinden.
Ralf-Michael Seele, Gründer und Leiter der Städtischen Galerie ADA Meiningen, die einheimischen Künstlern aus Thüringen seit 1990 ein öffentliches Podium bietet, schwärmt von der Künstlerin: „Erst wenn Beate Debus den Körper als Ganzes begriffen, erfahren, ja durchlitten hat, kann sie mit dem Abstrahieren beginnen.“
Dann fertigt Debus zunächst erste Skizzen auf Papier, bevor die Suche nach neuen Formen beginnt – immer den rohen, mehrere hundert Kilo schweren Holzstamm vor Augen.
Den Weg ins Dreidimensionale findet die Bildhauerin mithilfe der Collagetechnik, bei der sie Flächen, Raster und Linien aus Papier schneidet und Bogen auf Bogen schichtet. Derart nimmt der Korpus der Figur langsam Gestalt an. Nachdem sie den Torso herausgeschält hat, fixiert sie die Idee der zukünftigen Figur mit schwarzen Konturen auf dem Stamm. Schließlich spricht sie der gängigen Vorstellung Hohn, nur starke Männer könnten mit der Kettensäge umgehen. Durch Skulptieren, also Wegschneiden mit Klüpfel, Meißel und Kettensäge erobert sie sich Schnitt für Schnitt „Räume“ innerhalb der Skulptur, bis ein neues raumgreifendes Volumen entsteht.
Die gefundenen abstrakten Formen erscheinen menschlich und vertraut, schaffen einen Dialog zwischen den Figuren sowie gegenüber ihrer Umgebung.
Schrittweise weicht bei diesem Vorgehen die Statik der Bewegung, der Prozess der Dynamisierung beginnt. Wie im Leben: Statik wäre Stillstand; der Körper wandelt sich organisch stetig durch äußere Einflüsse: Metamorphose / Verwandlung als Lebens- und Schaffensprinzip spiegeln sich hier wider. Der Prozess der Dynamisierung geht aber noch weiter: Der der Skulptur innewohnende spannungsgeladene Moment wirft die Frage nach dem „Davor“ bzw. „Danach“ sowie dem „Vielleicht“ auf: Ging der vermeintlichen Geborgenheit eine innere Erschütterung voraus? Vielleicht sagen sich die Figuren gleich voneinander los? Beate Debus überschreitet die Grenzen der Kunst und dringt ins Narrative durch solche Lösungen, wobei sie mit den Antworten in der Schwebe verbleibt.
Wie das Leben selbst ist ihr Werk nicht eindimensional, sondern von Doppeldeutigkeiten und Ambivalenzen bestimmt, zeigen à la Nietzsche das „Dionysische“ und „Apollinische“, die Licht- und Schattenseiten – Debus schafft die dunklen Seiten durch einen Brennvorgang. Die Grundfrage bleibt: Wie kann sich der Mensch Bindungen eingehen, Halt gewinnen und sich verankern. Die „Balance“ lässt hoffen: Wenn auch vermeintlich instabil und gekrümmt, finden sie Anlehnung und Halt – fast wie die umgebende Natur: die Bäume sind den Widrigkeiten der Natur ausgesetzt und doch durch starke Wurzeln und manchmal durch das Ineinander-verwachsen unverrückbar. Verzweiflung hat daher nicht das letzte Wort. Im Gegenteil: Angesichts chaotischer weltlicher Widerstände birgt Verzweiflung auch Möglichkeiten: zu widerstehen, mit Kunst und durch Kunst Ängste zu überschreiten. Genau dies gibt Halt – gerade in unseren Zeiten.

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