Massenheimer Auenkunst

Achim Ribbeck: Pygmalions bewegliche Grazien

Achim Ribbeck: Pygmalions bewegliche Grazien, Marmor, 2018

Wer im rheinhessischen Dorn-Dürkheim zwischen Alzey und Worms den Brunnen in der Straße »Am Rhörbrunnen« sucht, wird keinen Brunnen mehr finden, aber im ersten Haus ein 300 m großes Atelier in einer ehemaligen Scheune. Darin empfangen den Besucher überlebensgroße Holzskulpturen in unterschiedlichsten, bis an die Grenze des Gleichgewichtes gehenden Haltungen des in Bad Kreuznach geborenen Künstlers.

Achim Ribbeck

Ausgebildet als Kunsterzieher, hat er neben Lehraufträgen aber nie in diesem Brotberuf gearbeitet. Als Mitglied der Frankfurter Künstlergesellschaft sind seine Arbeiten derzeit im Museum Malerkolonie in Kronberg zu sehen.

Unsere Skulptur «Pygmalions bewegliche Grazien« war noch nicht im öffentlichen Raum zu sehen. Sie zeigt, dass die Figur das wichtige Thema für Ribbeck ist. Der Vorteil figürlicher Darstellungen für den Künstler: Sie können sich  bewegen und anders als beim Relief oder klassischen Skulpturen gibt es bei Ribbecks Grazien keine eingerichtete Gesichtsrichtung, sondern erstmalig in dreidimensionaler Kunst einen Mona-Lisa-Effekt.

Ribbeck interessiert sich in seiner Kunst grundsätzlich dafür, zu welcher speziellen Erlebnisfähigkeit sich der Mensch hin entwickelt hat.

Wenn Sie sich als Betrachter darauf einlassen, werden Sie merken, dass Sie von den Blicken der anmutigen Damen verfolgt werden. Durch welchen Kunstgriff ermöglicht dies Ribbeck? Er schafft konkave Reliefs: So können sich Teile hintereinander verschieben, d.h. auf der Netzhaut verschieben sich die abgebildeten Gesichtsteile oder anders formuliert: Der Pupillenkreis verschiebt sich hinter den Lidrand. Dadurch gewinnt man einen geometrisch realen Eindruck: näher als der Pupillenrand.

In Wirklichkeit bewegen sich weiter entfernte Dinge, wenn wir die Landschaft betrachten, in dieselbe Richtung wie der Betrachter (z.B. der Mond beim Blick aus dem Zug bewegt sich mit, währenddessen die Massen rasch vorbeiziehen). Ausgenutzt hat dies Ribbeck bei seinen Konkav-Reliefs: die Augen der Grazien folgen zuerst dem Betrachter, dann überholen sie ihn und alles bewegt sich zum Augenwinkel hin. Die konkave Gestaltungsmethode verstärkt somit den schon bekannten zweidimensionalen Mona-Lisa-Effekt.

Die Geschichte um Pygmalion ist vor allem seit Ovid bekannt: Pygmalion verliebt sich in seine selbst geschaffene Skulptur, Venus erfüllt ihm den Wunsch nach Lebendigkeit. Aus der Liebesbeziehung geht die Tochter Galatea hervor. In unserer Darstellung ist der Mann gleich mit drei weiblichen anmutigen Damen gesegnet, die sich tänzerisch an die Hände fassen. Die Hauptbewegung aller ist die des Einander-Zuwendens. Pygmalion blickt mal nach rechts und links, die Frauen strahlen jeweils unterschiedlich den Inbegriff von Anmut und Grazie aus.

Ribbeck hat aus dem fast 2 Tonnen schweren Untersberger Marmor den Umriss der künftigen Skulptur zunächst mit einem Bohrer und Keil herausgeholt. Um schneller an die Skulptur heranzukommen, schneidet er mit Trennscheibe weiter. Das sind aber auch die einzigen »schweren Geräte«. Die Feinarbeit erfolgt mit Spitz- und Zahneisen, Schleifschwamm, Schleifpapier und -maschinen. Das langsame Arbeiten ist immer besser als das schnelle und hat in unserem Fall 3-4 Monate im Winter erfordert. Parallel entstanden Graphiken und kleine Skulpturen und alle haben zum Ziel, die Evolution – auch unsere Wahrnehmungsfähigkeit – sowie Körperschicksale als Paradigmata zur Anschauung zu bringen.      

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Text: © Dr. Astrid von Luxburg
www.kultur-erlebnis.de
Idee, Fotos und Gestaltung:
> Klaus Knorr
> Jörg Schatz
> Irene Utter
IT-Unterstützung: Adrian Knorr
Kontakt: info@kpknorr.de

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